Am Samstag den 23.Dezember 2000 war ich gegen 17.00 Uhr in der Klinik. Die Geräte zeigten ganz schlechte Werte bei Hagen an.

Seine Sauerstoffsättigung war schlecht und Hagen hatte fast 40 Fieber.

Der diensthabende Arzt sagte, es ginge Hagen sehr schlecht.Er hätte Wasser in der Lunge und die Organe würden langsam versagen.

Sie müßten alle zwei Stunden das Wasser absaugen und Hagen würde sich in der Zwischenzeit davon nicht mehr richtig erholen.

Er würde entweder noch heute oder am heiligen Abend versterben.

18.00 Uhr: Ich fuhr nach Hause und sprach mit Olaf.

Ich war sehr traurig, hatte ich doch das Gefühl, nicht genügend Zeit mit Hagen verbracht zu haben.

Wir entschieden uns, alles zu organisieren, damit wir nachts schnell los können.

19.30 Uhr: Ich sprach mit meinen Schwiegereltern, ob sie bereit wären dann zu kommen. Ja, natürlich.

19.55 Uhr: Olaf war dabei den Tannenbaum aufzustellen.

20.05 Uhr: Ich wollte gerade die Nachrichten schauen, damit ich auf andere Gedanken komme. Da klingelte das Telefon.
Es war die Klinik. Es ginge schneller als erwartet. Wir müßten jetzt nicht in einer halben Stunde da sein, aber uns doch auf den Weg machen.

Also, wieder meine Schwiegereltern angerufen. Ja, sie würden sich sofort ins Auto setzen, aber es finge gerade an zu schneien, es könnte also etwas dauern. Sie hatten ja 70 km vor sich.

Dann habe ich noch eine gute Freundin aus der Nachbarschaft angerufen, ob sie kommen könnte bis meine Schwiegereltern da wären. Na klar, sie kommt gleich rüber.

Dann habe ich noch bei meinen Eltern Bescheid gesagt. Mein Vater meinte, sie würden ja auch kommen, aber es würde ja so schneien.

Nein, wir wollten alleine in die Klinik fahren und bei den Kindern mußten auch nicht so viele sein.

21.00 Uhr: Wir kamen in der Klinik an. Mir war sehr mulmig zumute. Ich fühlte, dass uns ein schwerer Schritt bevorstand.

Unsere Ärztin stand schon an Hagen`s Bett. Sie sagte uns, welche Möglichkeiten wir hätten.

Zum einen könnten wir Hagen jetzt so liegen lassen in seinem Bett und abwarten. Dann würde er sich noch bis zum nächsten Tag "rüberquälen", oder wir könnten ihn extubieren, dann könnte Hagen "entscheiden", was er will:

Leben oder sterben.

Wir entschieden uns für die zweite Möglichkeit, da wir uns sagten, am 7.12. haben wir entschieden, er solle bei uns bleiben, was er eigentlich nicht gewollt hat.
Diesmal lassen wir ihn entscheiden und wenn er nicht bei uns bleiben kann oder möchte, dann müssen wir es akzeptieren.

Jetzt steht es nicht mehr in unserer Macht.

Das Einzige, was wir noch für ihn tun können ist, für ihn da sein. In seiner wie in unserer schwersten Stunde.

Wir haben uns dann von Hagen verabschiedet.

21.15 Uhr: Ich bekomme Hagen auf meinen Arm gelegt. Die Ärztin kommt und extubiert Hagen.

Hagen hatte seit Freitag schon einen Schmerztropf, weil man nicht weiß, was die Kinder spüren. Damit er wirklich keine Schmerzen hat, wurde der Tropf weiter aufgedreht.

Hagen lag jetzt auf meinem Arm und hatte eine unregelmäßige Schnappatmung. Das heißt, er hat jede Minute einen kurzen Atemzug gemacht.

Ab und zu kam etwas weißes aus der Nase heraus. Da kam dann gleich eine Schwester, die es fortwischen wollte. War ja nett gemeint, aber ich wollte es machen. Es ist mein Sohn und wenn ich sonst schon nichts für ihn tun kann, dann möchte ich das auf jeden Fall für ihn tun.


22.12 Uhr: Hagen ist tot. Sein kleines Herz hat endgültig aufgehört zu schlagen.

Wir saßen noch ca. eine Stunde mit Hagen da.

Alle haben geweint.

Man bot uns jetzt an in ein anderes Zimmer zu gehen, aber das hätte ich nicht geschafft.

Wir wurden dann gefragt, ob wir ihn baden wollen. Olaf hatte es eigentlich machen wollen, aber dann sagte er, er könne es jetzt doch nicht. Die Schwestern sagten, sie würden Hagen baden und ihm seinen eigenen schönen Strampler anziehen.

23.30 Uhr: Wir sind gegangen. Vorher sagten wir noch, dass wir gerne am nächsten Morgen mit Lars-Ole und Hannes kommen würden.

Das war auch kein Problem.Wir sollten nur Bescheid sagen, wann wir ungefähr kämen,dann würden sie Hagen aus dem Kühlraum holenund es "schön" machen für die Kinder.

Als wir aus der Klinik kamen, fing es in Kiel gerade an zu schneien.Wir hatten das Gefühl, das Hagen es uns damit nicht so schwer machen wollte.

Wir sind dann noch ein Stück spazieren gegangen, um den Kopf frei zu bekommen.

Dann fuhren wir nach Hause.

24.12.2000

Wir erzählten den Jungs, das Hagen nun gestorben ist. Sie sagten, sie wollten ihn sehen.

Unsere Freundin nahm Malte mit auf einen Spaziergang und wir fuhren mit Lars-Ole und Hannes zur Klinik.

In der Klinik angekommen wurden wir in das Zimmer gebracht, in dem Hagen auch getauft worden war.

Es war sehr schön gemacht, soweit es in einer Klinik möglich ist. Sie hatten Hagen mit einer Rotlichtlampe beleuchtet, so sah er nicht ganz so blass aus und er wurde etwas wärmer.

Lars-Ole und Hannes haben Hagen sehr viel geküßt und in den Armen gehalten.

Sie wollten gar nicht wieder weg von ihm. Wir haben viele Fotos gemacht, danach ist Olaf mit den Jungs schon mal gegangen.

Ich habe mich noch mal allein von Hagen verabschiedet, dann noch von den Schwestern.

Auf dem Weg nach Hause habe ich bei Elke angerufen, um auch ihr Bescheid zu sagen, dass Hagen jetzt gestorben ist. Sie war sehr traurig, sagte aber auch, dass er jetzt seine Ruhe gefunden hat.

Elke hat uns in der ganzen Zeit immer wieder besucht. Sie hat uns mit Bachblüten und Kügelchen geholfen, diese schwierige Zeit zu überstehen.

Elke ist freiberufliche Hebamme, sie konnte bis Januar keine Geburten mehr begleiten.

Zu Hause angekommen, rief mein Vater an und fragte uns, ob wir nicht zu ihnen kommen wollten. Wir wären sicherlich nicht in der richtigen Stimmung, um mit den Kinder Weihnachten zu feiern.


Wir sagten zu. Eigentlich feiern wir Heilig Abend immer bei uns. Die weiteren Feiertage sind dann für die Familie.

Diesmal hatten wir noch nicht mal den Tannenbaum aufgestellt, geschweige denn ihn geschmückt.

Das war alles so unwichtig.

Die Tage zwischen Hagen`s Tod und der Beerdigung waren sehr leer.
Der 23.12.2000