Wir sind dann gegen 14.00 Uhr auch nach Hause gefahren, völlig betäubt, weil wir nicht wußten, was wir glauben, hoffen oder uns wünschen sollten.

Unseren Jungs hatten wir erzählt, wir bekommen Huch und sind dann nachmittags zum Kaffe mit dem Baby zu Hause.

Hannes war bei Oma, da riefen wir von unterwegs gleich an, ob er noch ein wenig dableiben könnte.
War kein Problem, allerdings dachte Oma, wir würden einen Spaß machen.
Später dachte sie aber, damit macht man keinen Spaß.

Unser Babysitter konnte ab 17.00 Uhr wieder kommen und da fuhren wir wieder in die Kinderklinik.

Wir sind dann gleich von einem Arzt zum Gespräch gebeten worden.
Der Arme hatte dann die Aufgabe uns die traurige Nachricht zu sagen.

Unser Hagen wird Sterben.

Sie haben ein EEG gemacht und das zeigt eine fast komplette Nulllinie .
Das heißt seine Hirnaktivität ist fast gleich Null.
Der Arzt sagte noch, wenn Hagen etwas können wird, dann wahrscheinlich nur atmen.

Man müßte jetzt abwarten, sie können nicht sagen, wie lange er „leben" wird.

Olaf hat geweint.

Ich habe ihn noch nie so weinen sehen und wir kennen uns schon aus der Schulzeit.

Olaf ist aber von Beruf Krankenpfleger und hat seine Ausbildung in einem psychiatrischem Krankenhaus gemacht.
Seine erste Station war eine, wo Kinder lagen, die so eine Geburt von Hagen überlebt hatten.
Olaf wußte was auf uns zu kommen würden, wenn Hagen leben würde und was Hagen erwarten würde.

Ich hatte keine Vorstellung, weder was uns erwartet wenn Hagen lebt, auch nicht wie es sein soll, wenn er stirbt.
Ich war einfach nur leer.
Was sollten wir uns wünschen.
Wir wünschten uns, dass Hagen die richtige Entscheidung trifft.
Wie auch immer.

Dann gingen wir zu Hagen.
Der Kleine lag in seinem Bett.
Wir haben ihn gestreichelt und ihn geküßt.
Außerdem haben wir ihm gesagt, egal wie er sich entscheidet, wir begleiten ihn und stehen ihm bei.


Hagen war 50 cm groß, wog 3355gr und hatte einen Kopfumfang von 37 cm.
Er war vor der Geburt gesund.
 
Bei dem Arzt und den Schwestern haben wir noch gesagt, wenn sie es absehen können, dass Hagen versterben wird, sollen sie uns benachrichtigen, wir wollen dabei sein.
Egal wann, auch nachts.

Wir fuhren wieder nach Hause und überlegten, wie wir es den drei Jungs erklären sollten.
Lars-Ole und Hannes waren in der Schwangerschaft sehr interessiert, wie Babys in den Bauch kommen und wieder heraus.
Wie sollten wir ihnen jetzt erklären, dass Ihr Bruder nie zu ihnen kommen wird, nie mit ihnen lachen oder auch nicht sich schlagen wird mit ihnen.

Am 7. 12 haben wir den Jungs noch nichts erzählt.

Dann haben wir ihnen am nächsten Tag erzählt, dass Hagen sehr krank ist.

Wir sind jeden Tag zu Hagen gefahren.
Das EEG zeigte auch am nächsten Tag keine richtige Nulllinie an, so dass die Geräte an bleiben mußten.

Zwischenzeitlich begannen auch seine Organe zu arbeiten.
Sie fütterten ihn und er nahm zu.

Am Sonntag waren wir dann bei der Pastorin, im Dorf meiner Schwiegereltern.
Wir hatten uns bis dahin keine Gedanken gemacht wo wir beerdigt sein wollen.
Da Olafs Oma dort schon liegt und da noch zwei Plätze frei sind fragten wir bei Schwiegereltern, ob Hagen da liegen könnte.
Es war für uns ein schöner Gedanke ihn von der Oma beschützt, dort liegen zu haben.

Die Pastorin war ganz traurig, dass so ein kleines Wesen so leiden muß und das Leben nicht erleben darf.
Sie war bereit ihn später zu beerdigen und sogar ihn zu taufen.
Die Uniklinik Kiel ist 70 km entfernt.

Wir sind dann am nächsten Donnerstag mit den Kindern los gefahren einen Tannenbaum zu kaufen.
Damit wir auch ja nicht an den letzten Donnerstag so viel denken.

Ich habe sehr viel geweint, auch in Gegenwart meiner Kinder.
Sie haben immer wieder gefragt, warum ich weine.
Ich habe ihnen erklärt, dass ich sehr traurig bin, weil Hagen so krank ist und sterben muß.
Sie haben mich dann getröstet.

Zwischenzeitlich haben wir die beiden großen, Lars-Ole und Hannes, mit zur Klinik genommen.
Es gibt dort einen Außenbalkon.
Über diesen haben wir ihnen ihren Bruder gezeigt.
Damit sie wissen, wo er ist und wie er aussieht.

Olaf fährt später jeden zweiten Tag zu Hagen, ich fahre jeden Tag hin.
Ich muß jeden Tag zu ihm fahren und Olaf sagt, er kann es nicht.
Das ist für uns beide in Ordnung.

Wir haben immer wieder Gespräche mit den Ärzten und dem Kinderneurologen gehabt.
Das EEG wurde besser.
Wir sollten abwarten, bis die ganzen Medikamente aus seinem Blut heraus waren, die das EEG noch verfälschen würden.

Wir hatten am Montag den 18.12 ein Gespräch mit dem Neurologen.
Er sagte uns, dass Hagens EEG zwar keine Nulllinie zeigt, aber trotzdem keine Hoffnung für ihn besteht.
Er wird nicht mal atmen können und die Schnappatmung (alle paar Minuten ein Atemzug) würde ihn nicht am Leben erhalten können.
Wie lange er noch leben wird könnte er nicht sagen.
Es könnten Tage, aber auch noch Wochen, aber keine Monate mehr sein.

Gedanklich stellten wir uns darauf ein, dass Hagen noch bis ins nächste Jahr rein leben wird.
In der Kinderklinik